Gegenwind auf drei Gängen
Eigentlich wollte ich nur Bewegung.
Stattdessen bin ich mitten in meine eigene Radiosendung reingeradelt.
Gegenwind, Sackgassen, ein Navi, dem ich lieber nicht hätte vertrauen sollen.
Der Start – warum ich heimlich auf Regen gehofft habe
Gestern war der 18.07. und ich hatte meine erste eigene Sendung bei Jade Radio. Es ging darum, dass wir mit der Strömung fließen sollten, die Wellen reiten, und dass wir manches einfach nicht kontrollieren können und auch nicht sollten.
Lustigerweise hatte ich heute einen unheimlichen Drang, eine Fahrradtour zu unternehmen, um die letzte anstrengende Woche körperlich abzuarbeiten.
Ich hatte, obwohl der Drang da war, immer noch gehofft, dass es regnet und ich nicht raus muss.
Meine Hündin Rosi ist vor vier Wochen gestorben. Ein freies Leben, wo ich den Tag nach mir einrichten kann, ist immer noch nicht selbstverständlich und fühlt sich noch fremd an.
Also, es regnete nicht, und die Wetter-App versprach, dass ich bis 18 Uhr Zeit hätte, um wieder anzukommen, wo ich losgefahren bin.
Ich habe mir mein neues altes Dreigangfahrrad geschnappt und los ging’s. Nach wenigen Metern musste ich so lachen, weil ich irgendwie spürte, dass ich das, was ich gestern in der Sendung live sagte, heute wohl live erleben sollte.
Ja, der Regen blieb aus, aber es gab einige Strecken, die gesperrt waren, und ich hatte durchgehend Gegenwind.
So ist das im wirklichen Leben doch auch, oder? Überall mal Gegenwind, eine ganze Weile lang, und man muss damit zurechtkommen. Ja, es ist ungemütlich, anstrengend, aber irgendwie kommen wir damit klar.
Die ersten Kilometer – Wasser in Sicht
Nach ca. drei Kilometern die erste „Wassersichtung“. Nein, nicht das Meer, sondern meine eigene Wasserflasche.
Ich trinke chronisch immer zu wenig, war aber heilfroh, dass ich daran gedacht hatte, weil ich mich bessern wollte. Diese paar Meter haben meine Rotbäckchen zum Glühen gebracht.
Es fühlte sich schon wie eine Ewigkeit an, dabei waren’s erst mal drei Kilometer. Hügel, Gegenwind.
Ok, Flüssigkeit zugeführt, weitergefahren. Wild entschlossen, das Meer heute noch zu sehen.
Deichschafe und Erziehungsfragen
Nach weiteren anderthalb Kilometern die große Hoffnung und die erste Sichtung von „Einheimischen“: die Deichschafe. Endlich Leben in der Einöde.
Ich gönnte mir eine kleine Pause und beobachtete sie. Die Kleinen waren gar nicht mehr so klein, und wenn sie auf Mama zugestürmt kamen, weil es Zeit für Mittagessen war, waren sie nicht zimperlich. Aber Mama Schaf blieb unendlich geduldig.
Wir sollten uns ein Beispiel nehmen. Die Natur zeigt, wie es geht.
Ein anderes Schafkind hatte auch Hunger, aber wohl keine eigene Mama, sondern eine Amme. Die wollte nicht aufstehen für den hungrigen Nachwuchs. Dann kam ein anderes Schaf und drängte die liegende Futterquelle zum Aufstehen.
So spannend. Ein Stück weiter war ein Muttertier dabei, ihrem Nachwuchs Grenzen zu setzen. Das Kleine hatte ein Ziel. Mama war not amused und stellte sich einfach immer wieder in den Weg. Ruhig, aber bestimmt. Das Kind hat gelernt und zwar ohne Vertrauensverlust.
Der erzwungene Umweg
Eigentlich wollte ich die ganze Strecke am Deich entlangfahren, aber aufgrund der Umleitung wegen Bauarbeiten war das nicht möglich. Statt mich zu ärgern, hatte ich diese tollen Beobachtungen mit den Schafen.
Ich fuhr also auf die Straße und gab die Hoffnung nicht auf, doch noch unten am Deich fahren zu können, um vielleicht geschützter vorm Wind an meinem Zielort anzukommen.
Nach ungefähr eineinhalb Kilometern konnte ich dann runter zum Deich. Leider war es genauso windig wie oben. Nichts gewonnen, außer eine schöne Aussicht und die Schaf-Beobachtungen.
Endlich echtes Wasser im Visier. Gleiche Richtung wie die Straße, parallel, nur einseitig durch den Deich gepuffert, aber den Wind hat das nicht beeindruckt. Er machte mir die Strecke weiterhin zu einer echten Herausforderung.
Glühwürmchentag auf drei Gängen
Obwohl es nicht warm war, konnte ich diesen Ausflug für mich als „Glühwürmchentag“ abstempeln, inklusive roter Wangen.
Ich kämpfte gegen den Gegenwind, während die E-Bikes fröhlich an mir vorbeigeschippert sind.
Hin und wieder spielte ich mit dem Gedanken, den nächsten Fahrer von seinem Fahrrad zu schubsen, aber dann erinnerte ich mich daran, dass ich mir ja vornehmen könnte, wieder Komfort in mein Leben zu ziehen.
Ich genoss meinen Ausflug mit allem, wie es halt war, machte Fotos und fühlte mich einfach gut und dankbar. Nicht mehr und nicht weniger.
Der Blick übers Meer
Zwischendurch habe ich immer wieder angehalten, habe geguckt, beobachtet, wahrgenommen und schließlich festgestellt: ich bin nicht Nordsee-wildromantisch-verstrahlt, wo überall verirrte Wale oder verspielte Seehunde gesehen werden, die sagen „guck mal, ich bin ein Geschenk“.
Stattdessen: ein Autoreifen. Und in der Ferne eine Boje, die zum Fantasieren eingeladen hat. Sie wippte auf und ab und hätte durchaus auch was anderes sein können.
Es war wieder alles gleichzeitig: die Realität erkennen UND Fantasie haben. Es ist alles, wie es ist. Nichts ist wertvoller als das andere, und der Moment unbezahlbar. Das ist Erfüllung und Fülle pur.
Buhnen mit Wiedererkennungswert
Dann bin ich weitergefahren und kam in Hooksiel an. Da waren sie, diese Buhnen (Pfähle) im Meer, auch die gehören lustigerweise zu einem Bild, das ich vor fast zehn Jahren gemalt habe. Das war schon wieder ein Wow-Moment.
Seit ich hier bin, in Wilhelmshaven, gab es einen Wow-Moment nach dem anderen.
Weiter ging es an der Strandpromenade entlang, wunderschön und immer noch windig. Dann nahm alles eine eigene Wendung und verselbstständigte sich immer mehr.
Bis zum Zeltplatz war ich vorgedrungen und habe dann gemerkt: upsi, zu weit weg. Also bin ich ein Stück zurückgefahren.
Ab hier ist mir etwas bewusst geworden: Auch wenn wir ein Ziel haben, ist es manchmal besser, einen anderen Weg zu wählen.
Dann bin ich durch den Ort gefahren und habe mir gedacht, es ist ja noch früh, kannst noch eine kleine Extra-Tour machen. Also ging es um die Einkaufsmeile herum, und dann kam ich irgendwann am alten Hafen an.
Mein Navi und ich
Am Hafen beschloss ich, das Navi einzuschalten. Eigentlich hielt ich das für zuverlässiger, als mich auf meinen Instinkt zu verlassen.
Und in dem Moment kam der nächste Aha-Moment: Das Navi wie die Coaching-Bubble. Man vertraut, weil man denkt, die weiß Bescheid, macht einen souveränen Eindruck, und die Fototapete verspricht Erfolg über Nacht ohne große Mühe.
Stattdessen hat sie mich in mehrere Sackgassen geschickt, wo ich entgegen meiner Natur umdrehen musste. Zurückfahren ist eigentlich nicht mein Ding, normalerweise suche ich lieber Alternativen, aber hier ging’s nicht anders.
Es gab nur den Weg zurück, was mir einige Zusatzkilometer einbrachte. Aber mal ehrlich, ich habe mich nicht verfahren, sondern die Gegend erkundet.
Es gibt halt Dinge, die wir nicht kontrollieren können. Da hilft nur, unsere Einstellung anzupassen und flexibel zu reagieren.
Wo die Sache kippte
Irgendwann habe ich beschlossen: auf die hör ich jetzt gar nicht mehr. Und bin der Nase nachgefahren, habe unbekannte Ortschaften erkundet und bin einfach davon ausgegangen, dass meine Intuition mich nach Hause bringen würde.
Nach etlichen Kilometern habe ich dann einen echten Menschen, einen Einheimischen, getroffen und beschlossen, ihn nach dem Weg zu fragen, jemanden der wirklich da zuhause ist, wo ich hinwill.
Und auch hier schließt sich wieder ein Kreis: manchmal ist es nötig, sich helfen zu lassen. Das bedeutet aber nicht nur, jemanden zu fragen, der aus Büchern gelernt hat und eine schöne Fototapete aufgebaut hat, sondern jemanden, der wirklich aus der Region kommt, der da war oder ist, wo man hinwill.
Nicht die Ausbildung zählt, sondern die gelebte Erfahrung, wie es sich anfühlt, im Kreis zu fahren, festzustecken, loszulassen und dem Vertrauen in sich und der eigenen Intuition wieder mehr Gewicht zu geben.
37 Kilometer später
Weiter ging es dann brav nach der Anleitung des Einheimischen, und ich fühlte mich sicherer, obwohl ich immer noch durch unbekanntere Ortschaften fuhr.
Irgendwann kam ich in bekannte Gefilde, und Zuhause angekommen sagte die Navi-Frau: Herzlich Willkommen Zuhause.
Ehrlich, das war nicht ihr Verdienst, dass ich 37 Kilometer später tatsächlich ankam.
Wann hast du das letzte Mal einer fremden Stimme mehr vertraut als deiner eigenen? Im Impulsgespräch schauen wir gemeinsam, wo dein eigenes Navi längst wartet, gehört zu werden und dich daran erinnert, wer du wirklich bist.

